(Bild: Kundenmagazin «Mittendrin» der Spitex Bern, Juni 2019)

«Liebe Simonetta, wir gratulieren dir zum Geburtstag!» So leitete der Pfarrer an der Abdankung in der Kapelle des Schosshaldenfriedhofs in Bern seine Ansprache ein. Tatsächlich war Simonetta auf den Tag genau 68 Jahre vorher in Italien geboren worden. Sie hätte wohl mit ihrem Sinn für Dramatik an diesem Predigt-Anfang ihre Freude gehabt.

Die Glasknochenkrankheit wurde schon bei Simonettas Geburt festgestellt und bestimmte ihr Leben sehr, auch wenn Ihre Eltern und ihr Bruder sie unterstützten, wo es nur ging. Gespielt wurde etwa immer auf dem Boden. Mit von der Partie war oft der Cousin Francesco, der für Simonetta bis zuletzt ein treuer Begleiter und Berater blieb. Das clevere Kind fand mit seinem Sinn für das Machbare und Wichtige für alle möglichen Alltagsprobleme stets eine Lösung.

Schon in der Kindheit erlebte und meisterte Simonetta einschneidende Umstellungen: Der Umzug in die (Deutsch-)Schweiz, ihr Eintritt ins Schul- und Wohnheim Rossfeld bei Bern waren bedeutende Einschnitte – schon nur die Umstellung von der feinen Pasta ihrer Mutter auf die Gschwellten fiel ihr nicht leicht, aber sie kam mit allen Schwierigkeiten zurecht. Ihr körperliches Handicap machte sie mit ihrer Anpassungsfähigkeit und Intelligenz mehr als wett. Dank ihrem Temperament und Charme war sie beliebt. Egal, um was es in der Schule ging, sie war stets die Klassenbeste und verhalf ihren Mitschülerinnen zu besseren Noten.

Inzwischen war die Umstellung vom Kinderwägeli in den Rollstuhl längst erfolgt, und es stellte sich die Frage nach der schulischen und beruflichen Zukunft. Simonetta hätte gerne studiert, aber schon der Übergang an die «Bez.» war ihr verwehrt, weil es für die mobilitätsbehinderte Schülerin keinen Transportdienst von Gebenstorf in die nächstgelegene Bezirksschule gab. Im Rossfeld erhielt sie dann Gelegenheit, für die Schulleitung kaufmännisch zu arbeiten, da ihre Begabung früh erkannt worden war. Das eröffnete ihr die Möglichkeit, nach dem KV-Abschluss im Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft eine Teilzeitstelle anzutreten. Nebenher hatte sie genug Zeit, um nach der Vereinsgründung als erste offizielle, mit BSV-Geldern entlöhnte Sekretärin der SVOI-ASOI zu wirken. Bei ihrem gesundheitlich bedingten Rücktritt nach vier Jahren (2001) sprach die damalige Präsidentin lobend von ihrer «tollen Arbeit». Zudem setzte Simonetta ihr Schreib- und Organisationstalent für die Vereinigung der BETAX-Chauffeure ein; sie wurde Chefredaktorin der Verbandszeitschrift «denkpause» – womit auch ihr Interesse an gewerkschaftlich-politischen Fragen geweckt war. An der Behindertendemo von 1981 nahm sie zusammen mit ihren Eltern, die eigens von Gebenstorf nach Bern gefahren waren, mit Stolz teil.

Eine entscheidende Wendung nahm Simonettas Privatleben, als sie in Zollikofen eine Partnerschaft einging; obschon ihre Mutter prophezeit hatte, wegen ihrer Behinderung werde die Tochter nie einen Mann haben, dauerte die Beziehung über 20 Jahre. In den Praxisräumen des Partners leitete Simonetta Kurse für freies Malen; die entstandenen Werke führten mehrmals zu gut besuchten Ausstellungen.

Nach der einigermassen einvernehmlichen Trennung vom Partner lebte Simonetta in einem schönen Dreieinhalbzimmer-Logis mit kleinem Garten in Zollikofen. Sie hatte ihre Wohnung und ihr abermals neues Leben als Alleinstehende zu ihrer Zufriedenheit eingerichtet, als am 15. November 2020 ein furchtbarer Schicksalsschlag eintrat: Simonetta wurde in ihrem Elektrorollstuhl von einem SUV angefahren. Das juristische Nachspiel ist bis heute nicht abgeschlossen. Vom Schock, den Frakturen und den damit verbundenen Ängsten erholte sie sich nicht wirklich; alle Bemühungen in Rehazentren und von Ärzten konnten nicht verhindern, dass Simonetta von da an bettlägerig und damit immobil blieb.

In der Todesanzeige steht sinngemäss: «Nach langem Leiden ist sie nun nach Hause zu ihren Liebsten zurückgekehrt – sie wird endlich glücklich sein.» Möge es denn so sein!

Ueli Haenni, Therese Stutz
Schlussredaktion: Mark Steiger